Notfallausrüstung aus LVS-Gerät, Schaufel und Sonde

Was brauche ich, was muss ich können?

Lawinenausrüstung und richtiges Verhalten abseits der Pisten

Lawinenausrüstung und richtiges Verhalten abseits der Pisten

109 Tote. Im Jahresdurchschnitt, alpenweit. Viel oder wenig? Viel, weil es immer tragisch ist, wenn ein Mensch stirbt – zumal wenn er gerade im Glück schwingt – im Tiefschnee eben. Wenig, weil diese Zahl seit den 60er Jahren in etwa gleich bleibt, während sich die Zahl der Schneesportler, welche sich in der winterlichen Wildnis bewegen, vervielfacht hat. Bessere Technik, mehr Wissen, mehr Ausbildung. Doch wie kommt all das beim Einzelnen Skitourengeher, Freerider, Schneeschuhgeher an? Wie kann ich mich als Einsteiger gewissenhaft und angemessen (Zeit und Geld!) mit der Lawinengefahr auseinandersetzen? Outdoor.de möchte mit dieser Serie Antworten geben. Heute stellen wir die Notfallausrüstung vor, welche jeder im Gelände dabei haben muss und beherrschen sollte. Vorweg einigen Korrekturen für gängige Mythen:

Die Lawine kommt nicht von oben!

90% der Opfer von Lawinen lösen „ihre“ Lawine selbst mit ihrem eigenen Körpergewicht aus. 5% werden von einer Lawine erfasst, die andere Schneesportler oberhalb ausgelöst haben. Und nur 5% kommen in „selbstausgelösten“ Lawinen um. Diese gibt es nur bei angespannten Verhältnissen wie einer hohen Auslösebereitschaft für Schneebretter oder in Nassschneelawinen. Vor beidem wird im Lawinenlagebericht (mehr dazu später) gewarnt. Kein Schicksal also, die Ursache für eine Lawinenverschüttung liegt meist in unserem eigenen Verhalten. Wir sind zur falschen Zeit am falschen Ort.

Recco hilft zu spät!

Es gibt immer noch Schneesportler, die glauben: Wenn ich eine Jacke mit Recco-Reflektor anziehe, kann die Bergwacht mich orten und ich werde gefunden. Das stimmt auch – aber die Bergwacht braucht schlicht und einfach zu lange, um zu erscheinen. Deshalb müssen Firmen, die Recco-Reflektoren einsetzen darauf hinweisen, dass die Überlebenschance des Verschütteten zwar erhöht wird, dies jedoch keine Garantie für eine rechtzeitige Bergung darstellt. Bei der organisierten Rettung dauert es im Normalfall 20 – 45 Minuten, bis sie kommt. Wie die Dokumentation von Lawinenunfällen über Jahrzehnte zeigt, nimmt die Überlebenswahrscheinlichkeit in der Lawine nach genau 18 Minuten dramatisch ab! Da hilft nur die sog. Kameradenrettung. Meine hoffentlich nicht verschütteten Begleiter müssen mich finden und ausgraben – sofort!

Ohne Bergführer ins Gelände?

Aus dem dramatischen Tenor dieses Artikels mag so mancher folgern, dass es nur mit der Professionalität eines Bergführers als Begleiter überhaupt verantwortbar erscheint, ins Gelände zu gehen. Auch das ist falsch. Die Benutzerfreundlichkeit des Materials und die Verständlichkeit des Lawinenlageberichts verbessern sich laufend. Es gibt strukturierte Bausteine für ein lernbares Risikomanagement (Snowcard, 3×3, später mehr!), damit man in Planung und unterwegs die richtige Entscheidung trifft. Schnee- und Lawinenkunde ist keine Geheimwissenschaft mehr, sondern ein für Alle offenes Lernfeld. Auch wenn sie fern der Alpen wohnen. Anfangs wird man öfter im Zweifelsfall verzichten müssen als der Profi, aber das motiviert ja auch! Lawinenkurse und Trainingsfelder für Verschüttetensuche, die in immer mehr Skigebieten bereit stehen, runden das Bild ab. Für den Gelegenheitstiefschneefahrer ist professionelle Begleitung nötig. Für den Enthusiasten, der bereit ist sich zu engagieren, jedoch nicht zwingend.

Notfallausrüstung

Recco-Reflektoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit in einer Lawine geortet und geborgen zu werden. Jedoch besteht eine komplette Notfallausrüstung aus LVS-Gerät, Schaufel und Sonde

Recco-Reflektoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit in einer Lawine geortet und geborgen zu werden. Jedoch besteht eine komplette Notfallausrüstung aus LVS-Gerät, Schaufel und Sonde

Die Notfallausrüstung besteht standardmäßig aus LVS-Gerät (auch genannt Pips, das Kürzel steht für Lawinen-Verschüttetensuchgerät), Lawinensonde und Lawinenschaufel. Noch immer sind viele abseits der Piste (laut einer Studie der DAV-Sicherheitsforschung fast die Hälfte!), ohne vollständige Notfallausrüstung unterwegs. Einige haben nichts dabei („ich hab doch einen Recco-Reflektor und ein Handy“), oder nur ein (mitunter veraltetes) LVS-Gerät. Sonde und Schaufel brauche ich, um den verschütteten Freund, den ich mit dem Pips geortet habe, auch ausgraben zu können! Das heißt: Wer nur ein Pips mitführt, kann gerettet werden, aber nicht retten. Darüber sollte man sich im Klaren sein. Produktdetails und Informationen zu Besonderheiten von LVS-Geräten, erhalten Sie in Teil 2 dieser Serie “Welches LVS-Gerät?”.

Üben, Üben, Üben

Das großartigste LVS-Gerät nützt nichts, wenn ich seinen Einsatz nicht beherrsche. Beherrschen geht weit über das hinaus, was in der Gebrauchsanweisung steht: Einschalten, Ausschalten, Batteriewechsel… Denn es klingt absurd: Im Zeitalter von Marsflug und Teilchenbeschleuniger sind wir von LVS-Geräten, die eindeutig und klar die Lage von Verschütteten anzeigen, meilenweit entfernt. Das ist Marktwirtschaft: Geringe Stückzahlen, wenig Forschung. Die heutigen digitalten Geräte haben Mikroprozessoren, deren Produktion sich eigentlich erst ab 6-stelligen Stückzahlen lohnt – seien wir also froh, das wir überhaupt welche haben! Alle Geräte arbeiten nach dem Feldlinienverfahren – sie führen auf gekrümmten Linien zum Verschütteten. Auch bei sehr modernen Drei-Antennengeräten braucht es viel Übung, um überlebens-schnell in den Nahbereich vorzudringen. Nur wer mit seinem Gerät wirklich fit ist, kann unter dem enormen Stress, der entsteht, wenn man um das Leben des Partners kämpft, noch zielgerichtet arbeiten. Gute Geräte zeichnen sich neben der technischen Seite deshalb auch durch einfachste Bedienung aus. Üben kann man auf Trainingsfeldern in Skigebieten oder in Lawinenkursen, die u.A. von Bergschulen angeboten werden. Auch wer einen Kurs gemacht hat, sollte sich zu Beginn jedes Winters wieder mit seinem Gerät vertraut machen. Wer sich führen lässt sollte darauf achten, dass er vom Bergführer in die Basis-Funktionen seines Gerätes eingewiesen wird. Auch in das Suchen (Lösen der Einfachverschüttung)! Wo dies nicht passiert, ist Vorsicht geboten: Der Bergführer geht offensichtlich davon aus, das er niemals verschüttet wird. „Experte pass auf! Die Lawine weiß nicht, das Du Experte bist“ (André Roche).

Gruppen-Zusatzausrüstung

Neben der oben beschriebenen persönlichen Notfallausrüstung gehören funktionsfähige Handys, Erste-Hilfe-Material und ein Biwaksack in die Gruppe. Wenn weitab der Piste kein Flugwetter (oder kein Empfang!) ist kann es sein, das man sehr, sehr lange auf die Bergung wartet. Dann muss man sich selbst zu helfen wissen. In geführten Gruppen ist diese Gruppen-Zusatzausrüstung Sache des Bergführers.

Eigene Zusatzausrüstung

In den letzten Jahren sind verschiedene Hilfsmittel auf den Markt gekommen, die eine Verschüttung verhindern oder die Überlebenswahrscheinlichkeit erhöhen können. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um zusätzliche Ausrüstung, die hilfreich ist, aber nicht zum Standard gehört. Allein schon wegen des hohen Preises wird dem Konsumenten selbst überlassen, ob er sich dieses zusätzliche Sicherheitspolster gönnen will. Nähere Informationen dazu im Artikel “Was können Airbag und Co.?” im Dezember auf Outdoor.de.

Verantwortung

Selbst wenn es das perfekte Gerät gäbe – viele Lawinenopfer ersticken nicht, sondern werden zermalmt. Also ist die beste Vorsorge, gar nicht erst hinein zu kommen in die Lawine. Dazu gehören Wissen, Erfahrung, und Demut. Ein etwas altmodisches Wort für den Respekt vor der Natur. Die so großartig ist, die uns aber auch mit einem kleinen Lawinchen töten kann. An dieser Stelle gedenke ich meines verstorbenen Freundes Wolfi – „sein“ Schneebrett war kaum größer als zwei Tischtennisplatten. Seid Vorsichtig und habt Spaß. Uns allen einen schneereichen Winter!

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