Lawinengefahr und soziales Risikomanagement

Die Gruppe als Gefahrenquelle auf Skitour

Die Gruppe als solche ist im Aufstieg meist noch klar zu erkennen…

Die Gruppe als solche ist im Aufstieg meist noch klar zu erkennen…

Wochenend-Skitour auf den Zischgeles im Sellrain. Der Heini kennt die Tour (vom Sommer). Er hat seine Arbeitskollegen zusammen getrommelt, hat das Hotel reserviert und auch noch „Pipser“ vom Alpenverein geliehen. Für die, die nur mal so mitgehen. Allesamt ordentliche Skifahrer mit solider Kondition.

Einfahrt in den trichterförmigen Hang unterhalb des Gipfels: zum Fels aufsteilende 35°, Gefahrenstufe 3 laut Lawinenlagebericht, Exposition, Hangform und Höhenlage als ungünstig angegeben. Auch der Experte braucht verdammt gute Argumente, um hier hinein zu fahren. Die vereinzelten Abfahrtsspuren in der Mitte des Hanges reichen da nicht aus.

Für Heini jedoch reichts: „Den Hang fahren sie immer beim 3er, hat der Wirt gesagt“, ruft er einigen Bedenkenträgern zu – und schon ist er weg. In der Gruppe sind 2 Kollegen von Heini, die bereits mehrmals einen Lawinenkurs belegt haben und es besser wissen (müssten). Aber sie schweigen. Heini hat alles so schön organisiert und kennt die Tour doch so gut (tatsächlich hat er den Berg vor über 10 Jahren mal erwandert…). Außerdem ist er in der Firma, die ums Überleben kämpft, Ihr Abteilungsleiter…

Die kleine Geschichte ist fiktiv, und ich möchte sie gar nicht weiter denken, geschweige denn erzählen. Sie deutet gleich eine ganze Reihe von Problemen an, mit denen sich (Skitouren-) Gruppen selbst im Weg stehen. Bezüglich ihres Erfolges (Gipfel? Schönes gemeinsames Tourenerlebnis?), vor allem aber mit Blick auf ein gutes, verantwortungsvolles Risikomanagement.

Die Sicherheitsforschung des Deutschen Alpenvereins hat Skitourengeher in einer groß angelegten Studie beobachtet und befragt. Über Leitfadeninterviews war es möglich, auch gruppendynamische Prozesse zu erfassen und zu verstehen. Outdoor.de – Experte Dr. Tobias Bach hat als Projektleiter eine Kooperation mit der Sporthochschule Köln angeregt, bei der der Einfluss sozialer Prozesse auf das Risikomanagements im Mittelpunkt stand. Problematische Verhaltensweisen, die gehäuft auftraten, werden hier beispielhaft vorgestellt.

Dependenz

Dependenz heißt Abhängigkeit. Da ist zunächst die Abhängigkeit von äußeren Einflüssen. Viele Gruppen sparen sich ein eigenes Risikomanagement und laufen grundsätzlich nur vorhandenen Aufstiegsspuren hinterher; etwa von Parkplätzen, wo viele Autos stehen. Frei nach dem Motto: „Sch… schmeckt, denn Millionen Fliegen können nicht irren!“. Dabei wissen sie weder, wie diese Spur begangen wurde – z.B. mit Entlastungsabständen, um die Auslösewahrscheinlichkeit eines Schneebretts in einer schwachen Schneedecke zu vermindern – noch wann, also ob sich die Verhältnisse seither verändert haben. Dependente Gruppen unternehmen zwar häufig eher leichte Touren, sind aber unselbständig und gefährdet, sobald das System kippt, etwa durch schlechte Sicht. Abhängigkeiten innerhalb der Gruppe, z.B. von den Entscheidungen des Bergführers, sind natürlich normal. Wo solche inneren Abhängigkeiten problematisch werden, dazu später mehr.

Paare als Gruppe und Paare in Gruppen

Wie jedermann und jede Frau weiß, geben Paare dem gruppendynamischen Prozess den besonderen Pfiff. Nicht weniger als 3mal wurde eine „Führung qua Geschlecht“ beobachtet: Der Mann trifft alle Entscheidungen, obwohl die Frau faktisch ein besseres Lawinenwissen hat (dies wurde überprüft). Weil der Mann halt immer führt…
Ein weiteres Paarproblem haben wir „Wellness-Fokussierung“ genannt. Der Mann (es geht auch um gekehrt, ist aber meistens so) ist erfahrener und stark daran interessiert, ihr sein winterliches Lieblingshobby schmackhaft zu machen. Er tut alles erdenkliche, damit sie sich wohl fühlt. Aufstiegsspur und Abfahrtshänge sollen so angenehm wie möglich sein. Ein Wiederaufstieg um einen problematischen Hang zu umgehen – undenkbar. Das Risikomanagement bleibt dabei auf der Strecke.

Gewohnheitsführung und Aversion gegen Führung

Diese beiden Muster treten häufig gemeinsam auf. Gewohnheitsführung ist das eingangs fiktiv beschriebene „Heini – Syndrom“: Einer organisiert alles und wird dann automatisch auch Risikomanager. Dabei verselbstständigt sich Führung unabhängig von Kompetenz. Vielleicht weiß es ein anderer besser, aber er hält sich zurück: Zumal die Übernahme von Verantwortung im Beispiel: „Wir fahren den Hang nicht, weil…“ ja auch noch Lustverzicht bedeutet. Man macht sich unbeliebt. Aversion gegen Führung betrifft Leute, die im Alltag oder Beruf viel führen müssen: Am Wochenende sich dann einfach mal an die Hand nehmen lassen, das tut gut. Wenn alle so denken, findet Risikomanagement nicht statt oder gerät eben in die falschen Hände.

Polarisation

… in der Abfahrt hecheln Einzelkämpfer ins Unverspurte.

… in der Abfahrt hecheln Einzelkämpfer ins Unverspurte.

Dass Menschen in Gruppen zu extremeren Entscheidungen neigen als allein, ist bekannt und vielfach untersucht. Auf Skitour bedeutet das: Manche Gruppen sind extrem defensiv unterwegs, manche stürzen sich wie die Lemminge in jeden Hang. Die „Gruppenmeinung“ bewegt sich von einem Mittelwert hin zu einem Extrem. Dagegen hilft, sich immer wieder zu fragen: Wie würde ich allein hier entscheiden? Bzw. in der Gruppe eine Regel zu etablieren: Wenn es keine klare Führung gibt (bei Privatgruppen kann man häufig eine entstehende Führung beobachten), dann schaut sich jede/r an fraglichen Geländeabschnitten erstmal allein um und entscheidet, bevor die Wahrnehmungen in der Gruppe besprochen werden.

Konkurrierende Führung (5,5%)

Wenn sehr gute Skibergsteiger (Ausdauer und skifahrerisches Können) unter sich sind, entsteht häufig eine latente Wettkampfsituation. Diese erfasst auch das Risikomanagement – wer am schnellsten und richtigsten entscheidet, bekommt die Goldmedaille… Gutes Risikomanagement braucht aber auch Geduld – und manchmal den Rückwärtsgang. Beobachtet wurde auch, wie zwei Experten um das Führen des „schwachen Weibes“ im Sinne der oben beschriebenen Wellness-Führung rangen. Ist ein sehr guter Skialpinist in der Gruppe, wird diesem häufig automatisch auch eine Führungsposition im Risikomanagement zugesprochen. Dabei kann die Kompetenz für diesen Bereich in der Gruppe ganz anders verteilt sein.

Ortskenntnis statt Risikomanagement bei Einheimischen

Bei der Untersuchung gaben Einheimische mehrfach an, das Gelände vom Sommer zu kennen und daher zu wissen, dass dies eine gute Skitour sei. Natürlich hilft Ortskenntnis, etwa bei der Orientierung und sogar beim Risikomanagement: Wenn ich in einer Grundlawinensituation mittags im Frühjahr weiß, ob Gras oder Schotter drunter ist, dann hilft mir das. Die aktuelle Situation ist jedoch entscheidend: Schneebeschaffenheit in Abhängigkeit von Steilheit, Exposition und Geländeform sind die Verhältnisse, die sich ständig ändern. Hier sind Kenntnisse aus der Lawinenkunde wichtiger als Ortskenntnis.

Schwache formale Führung

Auch geführte Gruppen sind vor den genannten Problemen keineswegs gefeit. Untersucht wurden zwar nur ehrenamtlich geführte Gruppen (Tourenleiter/Fachübungsleiter der Alpenvereine), aber auch mit Bergführern gibt es bisweilen soziale Probleme, und leider auch Unfälle. Einschlägige psychologische Inhalte z.B. über Gruppen, Führung und Kommunikation finden erst langsam Eingang in die Bergführerausbildung. Beobachtet wurde, das Führer in der Abfahrt, wo jeder dem weißen Rausch erliegt, wenn er nicht an die Leine genommen wird, durch unklare Kommunikation die Kontrolle über die Gruppe verlor bzw. Gruppen sich getrennt haben, weil es keine oder unklare Absprachen gab, die nicht zuletzt mangelnder Durchsetzungskraft zu schulden sind.

Tipps für gutes Risikomanagement in der Gruppe

Die meisten Gruppen auf Skitouren sind nicht formell geführt. Entstehende informelle Führung sollte dem besten Lawinenexperten zukommen und nicht dem schnellsten Skibergsteiger! Der muss ja eh auf die anderen warten. Vor der Tour sollten auch diese Themen besprochen werden. Die Tourenplanung abends auf der Hütte kann gemeinsam und „führerlos“ erfolgen, unterwegs sollte es jedoch eine/n geben, der Ansagen macht. Gerade in der Abfahrt werden viel zu selten kritische Hänge einzeln befahren, was übrigens auch lustvoller wäre: Ohne lang warten zu müssen kann man schauen und fotografieren, wie der andere sich im herrlichen Tiefschnee macht! In Rinnen ist es meist mittig am sichersten, weil dort die Schneedecke am dicksten (und damit weniger störanfällig) ist. Hier heißt es nicht mit Worten, sondern mit einer idealen Spur eine Vorgabe zu machen, an welche sich die anderen bitte halten. All das erfordert viel Kommunikation und Selbstbewusstsein; Ein ganzer Skibergsteiger kann eben mehr als coole Linien fahren!

Gruppe als Thema

In Lawinenkursen werden diese Probleme normalerweise nur zufällig und am Rande angesprochen. Dem Konsumenten kann nur empfohlen werden, dies immer wieder einzufordern, um auch in diesem Bereich von der Erfahrung des Bergführers zu profitieren – oder zu merken, dass der Bergführer den Bereich gar nicht reflektiert.

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