Lawinen-Zusatzausrüstung:Was können Airbag und Co?

Stärken und Schwächen von Lawinen-Zusatzausrüstung

Notfallausrüstung aus LVS-Gerät, Schaufel und Sonde - was brauche ich, was muss ich können?

Notfallausrüstung aus LVS-Gerät, Schaufel und Sonde - was brauche ich, was muss ich können?

Psychologen haben beobachtet, dass wir Menschen uns riskanter verhalten, wenn sich unser Sicherheitspolster erhöht. Der Klassiker für diese Theorie ist der Airbag im Auto: Als dieser aufkam fuhr vielfach schneller, wer einen hatte. Deshalb forderte der Schweizer Lawinenexperte Werner Munter einmal, statt des Airbags ein Nagelbrett aufs Lenkrad zu schrauben – damit der Fahrer nicht vergisst, wie gefährlich es ist, schnell zu fahren…

Gleiches gilt für die Lawine. Erst kommt das Vermeiden durch Wissen, Erfahrung und Wahrnehmung, dann die standardmäßige Notfallausrüstung (LVS, Schaufel, Sonde; siehe Teil 1 dieser Serie). Zusätzlich gibt es die „freiwillige Zusatzausrüstung“. Sie umfasst Produkte, welche die Überlebenswahrscheinlichkeit erhöhen. Outdoor.de stellt sie vor.

Airbag (ABS)

Ein Lawinen-Airbag (ABS) ist fest in einen Rucksack integriert. Die Reißleine zum Aufblasen der Kammern muss im Vorfeld trainiert werden.

Ein Lawinen-Airbag (ABS) ist fest in einen Rucksack integriert. Die Reißleine zum Aufblasen der Kammern muss im Vorfeld trainiert werden.

Das prominenteste unter den Systemen. Die einzige technische Möglichkeit, welche wirklich die Verschüttung verhindern kann. Man zieht an einer Reißleine, ein Ballon bläst sich auf, man bleibt mit großer Wahrscheinlichkeit oben. Die Verschüttung durch Nachlawinen oder mechanische Verletzungen können jedoch nicht ausgeschlossen werden. Als weitere Nachteile sind zu nennen: Hoher Preis (400,00 – 800,00 Euro, je nach Modell), hohes Gewicht (über 2 Kg), Wartung erforderlich (Haltbarkeit und Funktionstüchtigkeit der Gaspatrone). Das Üben des Ziehens an der Reißleine (damit es unter Stress automatisiert ist) ist nicht möglich, da ja dann die Gaspatrone gewechselt werden muss. Die Mitnahme einer Ersatzpatrone wird vom Hersteller empfohlen. Das ABS-System ist fest in einen Rucksack integriert (verschiedene Modelle).

Seit kurzem bietet ABS eine neu entwickelte Fernauslösung per Funk. Bei drohender Lawinengefahr besteht nun zusätzlich die Möglichkeit, dass Gruppenmitglieder untereinander ihre Lawinenairbags auslösen können. Eine Funktion, welche die Auslösesicherheit innerhalb einer Gruppe erhöhen kann.

Der Snowpulse ist eine Neuheit auf dem Markt, welcher zusätzlich den Hals- und Kopfbereich vor mechanischen Verletzungen schützen kann, da er sich um den Kopf legt, wenn man ihn auslöst. Ansonsten funktioniert er wie der ABS. Leute, die gern allein auf Skitour gehen nutzen gern den ABS, da sie ja keiner ausgräbt. Wer allerdings allein unterwegs ist, sollte ohnehin weit von den jeweiligen Limits planen (Verletzungsgefahr, kein Empfang…).

Avalanche Ball

Zur Ortung des Verschütteten in der Lawine kommt der Avalanche Ball immer talwärts des Verschütteten zum Stillstand

Zur Ortung des Verschütteten in der Lawine kommt der Avalanche Ball immer talwärts des Verschütteten zum Stillstand

Auch den Avalanche Ball muss der Schneesportler auslösen. Dies kann man allerdings so oft man mag üben, da der Ball sich mechanisch über ein Federsystem wie ein Lampion „aufpoppt“ und anschließend wieder zusammengedrückt werden kann. Bei einer Verschüttung (die nicht verhindert wird!) bleibt der Lampion aufgrund des gleichen Effektes wie der Airbag (inverse Segregation) oben und ist über eine Reißleine mit dem Verschütteten verbunden. Dies verkürzt die Suchzeit und damit die Überlebenswahrscheinlichkeit erheblich: Der Begleiter zieht die Leine ins Lot, dann ist er soweit wie sonst am Ende der langwierigen Punktortung (wenn die Lawinensonde auf dem Verschütteten steckt) und kann gleich graben. Das System ist logischerweise nicht für Einzelgeher geeignet. Es kostet etwas über 200,00 Euro und wiegt gut 1 Kg. Wichtig ist beim Avalanche Ball, die Begleiter über seine Funktionsweise zu informieren. Sonst wenden sie unter Stress womöglich ihre gewohnte Suchstrategie an, übersehen den Ball und verschwenden wertvolle Zeit.

Avalung

Avalung

Avalung

Die Haupt-Todesursache in der Lawine ist das Ersticken. Dies kann durch die Avalung verhindert werden. Vorausgesetzt, man kriegt den Schnorchel in den Mund, wenn die Lawine kommt. Vorausgesetzt, es handelt sich um Schnee und nicht um Beton (Nassschneelawine), wo man den Brustkorb gar nicht mehr heben und senken kann. Im normalen Schnee des klassischen Schneebretts ist stets Luft gebunden. Diese wird per Filter angesogen und per Ventil von der Ausatemluft getrennt. Ein Verlegen der Atemwege mit Schnee, ein qualvoller Erstickungstod wird dadurch verhindert – wenn man sonst nicht verletzt ist und ausgegraben wird. Auch dieses System ist also nicht für Einzelgeher geeignet. Seim Charme besteht in Gewicht und Preis: ca. 120,00 Euro, ca. 270 Gramm. Es ist auch in Verbindung mit einem Skitourenrucksack erhältlich (150,00 – 200,00 Euro). Dann muss man aber immer den gleichen Rucksack nehmen, egal ob Durchquerung mit Gletschermaterial oder gemütliche Tagestour.

Alle Systeme haben also Stärken und Schwächen. Die Entscheidung sollte von folgenden Fragen abhängen:
- Was will ich investieren?
- Welches Gewicht ist tolerabel?
- Bin ich häufig allein oder in der Gruppe unterwegs?

Die Entscheidung sollte jedoch keinesfalls von mangelndem Lawinenwissen geleitet sein! Dann brauchst Du einen Bergführer (ca. 300,00 Euro, ca. 70 kg). Vorteil: Läuft von alleine, macht sogar die Spur, von manchen kann man noch was lernen. Nachteil: Manche riechen, und Du musst ihn nach der Tour wieder abgeben, da es ihn nur leihweise gibt…

Weiterführende Info:

Wie in jedem Markt kämpfen die Produzenten der verschiedenen Produkte auch in diesem Bereich um Marktanteile. Ein Beispiel dafür findet sich unter: www.lawinenairbag-diskussion.de

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